In einem Land mit dem Namen Miranda

Antonio Ungar beim Literaturfest München 2013

Der kosmopolitische Kolumbianer Antonio Ungar las im Rahmen des Literaturfest München im Instituto Cervantes aus seinem Roman „Drei weiße Särge“ und erzählte im Gespräch mit dem Radiojournalisten Knut Cordsen aus seinem Leben, seiner Kindheit und seiner Heimat Kolumbien.

Der Schriftsteller und Journalist ist ausgebildeter Architekt. Die Konstruktion von Bauwerken oder von Texten seien gar nicht so unterschiedlich, behauptet Ungar. „Beides muss zuerst von vorne bis hinten durchdacht und dann Stück für Stück aufgebaut werden“, so der Autor.

Der heute 39-Jährige lebt in der Nähe von Tel Aviv. Der Liebe wegen, aber auch weil es ihn immer wieder an andere Orte zieht. Er liebt das Reisen und die Perspektive über den Tellerrand, „auch wenn ich Kolumbien unglaublich vermisse, wenn ich länger nicht mehr dort war. Das Land ist eines der Extreme“, sagt der Kolumbianer. „Zum einen schreckliche Gewalttätigkeit und Angst, zum anderen eine unbändige Lebensfreude und Humor. Das klingt nach Klischees, aber es ist so.“ Diese Dichotomie findet sich auch in seinem Roman „Drei weißen Särge“ wieder. Das Buch ist voller Humor, Liebe, Gewalt, Angst, Verzweiflung und Hoffnung.

Das Buch steht in einer langen Tradition von südamerikanischen Diktatorenromanen, dabei war das anfangs gar nicht so geplant. Der kolumbianische Präsident Uribe (2002 bis 2010) war der realistische Auslöser für die Idee des Buches – als abstoßendes Beispiel eines „demokratisch gewählten Diktators“. So entstand die fiktionale Romanfigur des Präsidenten del Pito. Und dennoch betont Ungar, die Geschichte sei keine rein kolumbianische, sondern eine Südamerikanische.

Antonio Ungar Literaturfest München 2013, Instituto Cervantes

Der Roman spielt in der fiktiven Republik Miranda. Der demokratisch gewählte Präsident heißt Tomás del Pito und er ist ein grausamer Herrscher (und der Name del Pito deutet schon an, an welche Richtung Ungar seine Geschichte treibt). Aber seine Zeit an der Macht könnte begrenzt sein, denn die Oppositionspartei Gelbe Bewegung hat dank ihres charismatischen Politikers Pedro Akira guten Chancen auf den nächsten Wahlsieg. Bis der Hoffnungsträger Akira bei einem Attentat getötet wird. Sein Tod soll im Krankenhaus bestätigt werden – doch auf wundersame Weise kann der Präsidentschaftsanwärter gerettet werden und überlebt – so zumindest die offizielle Version.

In Wirklichkeit ist Akira tot. Doch die oberen Riegen der Gelben Bewegung wollen den so nahen Wahlsieg nicht verlieren und so installieren sie im Handumdrehen ein Double als Akira. Dieses Double lebt schon sein Leben lang im Schatten des großen Retters der Armen und weiß um seine äußerliche Ähnlichkeit mit dem beliebten Politiker. Ansonsten ist der 35-Jährige José das genaue Gegenteil: Ein fern der Realität lebender übergewichtiger Alkoholiker, der seinen Kontrabass liebt und das Haus, in dem er mit seinem Vater lebt, selten verlässt. Ungar beschreibt ihn als „kindlich und naiv“ und so steht er im totalen Kontrast von Politik und Macht.

Aus dieser Konstellation entspinnt sich eine verrückte, rasante und bissige Geschichte, die nicht nur ein Bild der Gegenwart Kolumbiens und Südamerikas zeichnet, sondern auch eines der gegenwärtigen Welt der Medien.

Antonio Ungar Literaturfest München 2013, Instituto Cervantes

Ungar beschreibt diese Welten sehr glaubwürdig, gerade weil er sie bereist und kennengelernt hat. Seine Großeltern stammen aus dem linksliberalen Milieu in Österreich. Als Juden fliehen beide unabhängig voneinander aus Europa nach Kolumbien. Erst in einem Zug in Kolumbien treffen sie sich – sie sind die einzigen Europäer im Abteil. „Ein Wunder, dass sie sich nicht schon aus Wien kannten. Sie verkehrten in denselben Kreisen“, erinnert sich Antonio. So begann die Geschichte der Familie Ungar in Kolumbien.

„Mein abuelo liebte das Lesen, meine abuela war eine typisch jüdische Oma – sie hatten den analytischen Blick. Er war überhaupt nicht praktisch veranlagt, sie war praktisch nur praktisch“, bemerkt Ungar mit einem verschmitzten Lächeln. Sein Großvater hatte kein Geld, aber liebte das Lesen. Also besuchte er regelmäßig eine Buchhandlung im Zentrum Bogotás, deren polnische Besitzerin ihn gewähren und lesen ließ. Irgendwann beschloss die alte Besitzern nach Polen zurück zu kehren – sie wollte dort ihren Lebensabend verbringen. Und da sie keinen Nachkommen mehr in Kolumbien hatte, übergab sie die Buchhandlung an den fleißigen Leser, Ungars Großvater. So kam es, dass der junge Antonio mit und zwischen Büchern aufwuchs.

Der Roman „Drei weiße Särge“ ist das erste ins Deutsche übersetzte Buch von Antonio Ungar. Und neben der Darstellung politischer Missstände in Südamerika, der Erzählung einer Liebesgeschichte und eines spannenden Katz-und Maus-Spieles gelingt ihm damit noch viel mehr: Er zeichnet ein Bild des alltäglichen Kolumbiens und geht somit über die sonst verfügbare Berichterstattung über Entführungen und Drogen hinaus.

“Meiner Großmutter klaue ich heimlich Bücher – darüber ist sie entzückt” Antonio Ungar im Interview >>

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Dieser Beitrag wurde am 15. November 2013 um 15:29 veröffentlicht. Er wurde unter Kolumbien, Literatur, München, People, Politisch, Portrait abgelegt und ist mit , , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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